«A 13 / Geschichten vom Eilen und Verweilen» heisst das neue Buch des Bündner Schriftstellers und Liedermachers Linard Bardill, das er mit dem Künstler Lorenz Custer zusammen publiziert. Was für den Scharanser die Faszination der vielbefahrenen Route ausmacht, wie er die Zukunft des Verkehrs sieht und vieles mehr wollten wir von ihm wissen.
Wie entstand die Idee, ein Buch über die A13 zu schreiben?
Lorenz Custer, der Landschaftskalligraf, wollte nach «Tessiner Horizonte» kein weiteres Heile-Welt-Buch zeichnen, sondern etwas mit einer dystopischen Ebene. Er kam auf die A13 – und fragte mich, ob ich Lust hätte, an einer Suche nach dem Guten und Schönen, nach dem Hässlichen und Grauenvollen einer Autobahn mitzuwirken.
Welche Beziehung hattest du zuvor zur Route?
Ich habe die Autobahn immer als Unort empfunden. Sie verhindert einen, die Landschaft zu geniessen, zerschneidet die Täler und ist laut. Die Herausforderung, auch das Schöne an ihr zu suchen, hat mich inspiriert.
Wie hat sich diese Beziehung im Verlauf des Prozesses verändert?
Ich habe gemerkt, welche Lebensader die A13 ist – und wie sehr sie vermisst wird, wenn einmal, wie in Sorte im Misox, eine Steinlawine sie verschliesst. Ich habe mich mit der Geschichte der Nord-Süd-Verbindung beschäftigt, bis hin zur Commercialstrasse, die als Antwort auf den Vulkanausbruch in Indonesien und die Hungersnot von 1815 ausgebaut wurde.
Welche Geschichte im Buch hat dich persönlich am meisten berührt?
Es gibt mehrere. Der neunjährige designierte König von Palermo und Sizilien, der von den Staufern in Hohenems gefoltert, entmannt und geblendet wurde – eine Brutalität, die fast tausend Jahre später in der Deportation der jüdischen Gemeinde von Hohenems wieder greifbar wird. Und die Newtonsche Madonna im Valdort bei Grono, wo Reto Rigassi durch eine Lichtinstallation die Hände der Immaculata zum Leuchten bringt: ein getürktes Wunder – genauso gross wie das Wunder der unbefleckten Empfängnis.
Waren zuerst die Zeichnungen da oder zuerst die Texte?
Zuerst waren die Erlebnisse. Wir haben die Landschaft gemeinsam erfahren – die Zwillingsbrücken im oberen Misox von Christian Menn, die Isla Bella, ein Gespräch mit dem 77-jährigen Pizzaiolo Franco Todisco in Buffalora. Dann habe ich meine Texte geschrieben und Lorenz seine Zeichnungen gemacht.
Der Verkehr in «Staubünden» ist immer ein grosses Thema. Wie hast du es am Osterwochenende erlebt?
Dieses Jahr fuhren wir mit dem Zug und sahen die kilometerlangen Staus vom Zugfenster aus – mit einem kleinen Lachen und der Erinnerung, wie oft wir selbst darin gestanden haben.
Welche Möglichkeiten siehst du, die Situation zu entschärfen?
Sicher nicht durch mehr Spuren. Die Entscheidung, die Isla Bella zweispurig zu lassen, war richtig – man wäre sonst nur ein paar Kilometer weiter südlich in der gleichen Situation. Entschärfung geht nur durch mehr öffentlichen Verkehr und durch eine Siedlungspolitik, die den Menschen ermöglicht, auch dort zu feiern, wo sie wohnen.
Wie schwierig war es, nicht lehrmeisterhaft rüberzukommen?
Es ist wie mit der Liebe: Wenn man den anderen nicht sieht, kann man ihn nicht lieben. Das Sehen hat das Gefühl geweckt, dass diese Strasse ein Wesen ist. Sie hat mich an tolle Orte geführt – die Zementfabrik in Untervaz, die Nepomukkapelle in Cazis, die Türme von Bellinzona. Das Buch endet versöhnlich, und das entspricht meinem inneren Erleben.
Ist auch neue Musik geplant?
Ja. Besonders das Erlebnis in der Höhle bei Zillis hat mich zu einem neuen Lied geführt: «Wenn du die Gegenwart änderst, ändert sich auch die Vergangenheit, und die Zukunft ist längst nicht mehr dieselbe.» Es wird als Premiere an den Lesungen zu hören sein – an Orten direkt an der A13, von der Raststätte Rheinthal bis zum Salzhaus in Thusis.
Lesungen
8.5.26 • 20:00 Uhr • Chur, Buchhaus Lüthy
29.5.26 • 12:00 Uhr • Zürich, Paulus Akademie
29.5.26 • 20:00 Uhr • Splügen, Bodenhaus
30.5.26 • 16:00 Uhr • Untervaz, Zementfabrik Holcim
31.5.26 • 10:30 Uhr • Grono, Valdort
4.6.26 • 19:30 Uhr • Diepoldsau, Kulturhaus Thurnherr
5.6.26 • Mels, Steinbruch Verucano
6.6.26 • 15:30 Uhr • Buchs/Sevelen, Autobahnraststätte Rheinthal
7.6.26 • 10:00 Uhr • Thusis, Tiefbauamt


